Wird Strom aus Erneuerbaren Energien im Ausland entsorgt und wir zahlen auch noch dafür?

Christian Höhle
25.07.2018 14:52

Mythos

Strom wird im Ausland entsorgt und wir zahlen unseren Nachbarn auch noch Geld dafür, dass sie unseren Strom abnehmen.  Manchmal wird auch von Verklappung oder Entsorgung von Ökostrom gesprochen.

Tatsache

Das ist falsch. Erneuerbare Energien besitzen Einsspeisevorrang im deutschen Stromnetz. Daher kommen Erneuerbare Energien zur Deckung der Last als erstes an die Reihe. Erst danach kommen konventionelle Kraftwerke zum Einsatz.

Aktuell reicht die Menge der Einspeisung Erneuerbarer Energien allerdings nicht aus, um Export oder negative Strompreise zu verursachen.

Wie kommt es zum Export in die Nachbarländer?

Zusätzlich zu den Erneuerbaren Energien speisen auch konventionelle Kraftwerke in das deutsche Stromnetz ein. Dabei gibt es flexible Kraftwerke die ihre Leistung entsprechend des Bedarfs reduzieren. Zu Zeiten von Export und negativen Strompreisen sind diese Kraftwerke abgeschaltet.

Darüber hinaus gibt es aber auch sogenannte Grundlastkraftwerke (in der Regel Braunkohle- und Kernkraftwerke). Diese Kraftwerksarten sind nicht auf kontinuierliche Leistungsänderungen ausgelegt und laufen weitestgehend durch. Wenn Erneuerbare Energien viel Strom produzieren, und somit wenig Bedarf an konventioneller Erzeugung besteht, produzieren diese Kraftwerke trotzdem weiter und sorgen so für massiven Export in die Stromnetze der Nachbarländer.

Dabei geht es nicht nur um "ein bisschen" Export.  An 8215 Stunden des Jahres 2017 (94% des Jahres) wurde Strom exportiert. Im Durchschnitt (also über das gesamte Jahr in zeiten hoher wie niedriger Ökostromerzeugung) handelte es sich um 5,7 GW Export. Das entspricht etwa 5 Kernkraftwerken. In der Spitze wurden 2018 bis zu 15,1 GW exportiert, also etwa die Leistung von 15 Kernkraftwerken oder ein Viertel des gesamten deutschen Spitzenverbrauchs bzw. die Hälfte des Nachtverbrauchs.

Wie kommt es zu negativen Strompreisen?

Zunächst bleibt der Strompreis trotz des massiven Exports positiv, denn der Strom kann in den Nachbarländern sinnvoll verwendet werden. Dabei wird der Strom auch gut bezahlt. Erst wenn die Kapazität der Grenzkuppelstellen erschöpft ist, und flexiblen Kraftwerke im Netz ihre Leistung nicht weiter reduzieren können, schlägt der Strompreis ins negative um (in der Grafik unten mit Pfeil markiert).

Nun sieht man aber in der folgenden Grafik, dass trotz ausreichend erneuerbarer Erzeugung und erheblicher Überproduktion mit der Folge massivem Exports von über 10GW die Kernkraftwerke (rot) völlig unbeeindruckt durchlaufen. Auch die Braunkohlekraftwerke (hellbraun) laufen trotz negativer Strompreise weiter und drosseln ihre Leistung lediglich auf ca. 50%.

Prüfen wir es einmal von der anderen Seite: Würde man einige der besonders klima- und gesundheitsschädlichen Braunkohlekraftwerke abschalten, wäre der Strompreis gar nicht erst negativ geworden.

Welche Folgen hat der durch konventionelle Kraftwerke verursachte negative Strompreis?

Zuerst einmal freuen sich unsere Nachbarn. Sie schalten ihre Kraftwerke ab und bekommen auch noch Geld dafür.

Dann freuen sich noch die industriellen Großverbraucher, die ihren Strom an der Börse kaufen müssen - wie zum Beispiel Aluminiumhütten.

Wer sich nicht freut sind die Bürger und der Mittelstand. Denn die EEG Umlage deckt die Lücke zwischen Ertrag des Verkaufs der Erneuerbaren Energien an der Börse und der Vergütungszahlungen an die Anlagenbetreiber.
Wenn der Strompreis an der Börse im Plus ist, reduziert der Börsenertrag die EEG Umlage.
Wenn der Strompreis aber im Minus ist, muss die volle Vergütung an die Anlagenbetreiber und zusätzlich auch noch die negativen Strompreise obendrauf durch die EEG-Umlage der Bürger bezahlt werden. Und all das nur, weil konventionelle Grundlastkraftwerke durchlaufen statt einfach mal abzuschalten (was ja das klare Ziel der Energiewende ist)!

Tags: Export, Negativer Strompreis, Überproduktion
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