Werden Erneuerbare Energien an der Strombörse fair gehandelt?

Christian Höhle
30.11.2018 12:24

 Mythos

Erneuerbare Energien werden an der Strombörse fair und im Wettbewerb mit anderen Erzeugern gehandelt.

Tatsache

Gehandelt werden die erneuerbaren an der Strombörse. Allerdings auf eher unfaire Weise. Solarstrom und Windkraft werden an der Strombörse tatsächlich für 0ct gehandelt, denn die Strombörse bewertet die Erzeuger ausschließlich nach ihren "Grenzkosten". Das ist der Wert, den es in einer laufenden Produktion zusätzlich kostet, eine Kilowattstunde mehr zu produzieren.

Das funktionierte bisher, weil konventionelle Kraftwerke zunächst nur wenig Kosten für den Bau verursachen, dann aber um ein Vielfaches höhere Kosten im Betrieb auftürmen.

Bei erneuerbaren ist es genau anders herum. Die Kosten fallen fast ausschließlich zum Bau der Ökostrom-Anlagen an. Der Rohstoff kostet dagegen nichts und die Betriebskosten sind auch kaum nennenswert. Daher werden Windkraft und Solarstrom an der Strombörse für 0ct pro Kilowattstunde gehandelt, was natürlich völliger Unsinn ist. Denn zum Beispiel gerade die Solarenergie deckt viele Monate des Jahres zuverlässig die Spitzenlast, die früher am teuersten war.

Ein neuer Strommarkt muss her!

Im Rahmen der Umstellung auf Erneuerbare Energien muss der Strommarkt angepasst werden. Es ist offensichtlich, dass ein Strommarkt wie er bisher gestaltet ist, mit hohem Anteil erneuerbarer Energien nicht funktionieren kann weil sonst der Strom tendenziell nichts mehr Kosten würde.

Bei dem Umbau des Strommarktes geht es nicht darum, einen möglichst guten Kompromiss zwischen erneuerbaren und konventionellen Energien zu finden. Es geht nicht darum, dass das alte System so lange wie möglich am Leben zu erhalten. Vielmehr geht es  im Rahmen der Energiewende darum, das alte System so schnell wie möglich abzuschaffen und zu ersetzen. Dazu muss der Strommarkt in ein paar grundlegenden Punkten verändert werden:

  1. Vorrang für erneuerbare Energien
  2. Handel auf Basis von Gesamtkosten statt Grenzkosten
  3. Berücksichtigung aller externen Kosten
  4. Kein Handel über Zeiträume die nicht absehbar sind

1) Der Vorrang erneuerbarer Energien muss weiterhin erhalten bleiben, denn die Gesamtgesellschaftlichen Vorteile rechtfertigen einen Vorrang vor fossilen und atomaren Energien (Vorteile der Energiewende)

2) Handel auf Basis der Gesamtkosten bedeutet, einen Markt zu schaffen, in dem nicht nur ein Teil der Kosten zur Preisbildung angesetzt werden, sondern alle Kosten, sodass durch den Bürger keine zusätzlichen Kosten -  sichtbar auf der Stromrechnung oder  unsichtbar in den Steuern - zusätzlich bezahlt werden muss.

3) Berücksichtigung aller Kosten bedeutet, dass alle Folgekosten über Bau, Betrieb und Entsorgung sowie alle Umweltkosten und Gesundheitskosten mit in die Rechnung einbezogen werden müssen.

4) Kein Handel über nicht absehbare Zeiträume bedeutet, dass in einem Strommarkt mit  hohem Anteil erneuerbaren Energien der Handel mit Strom über mehr als 12 Stunden wegen der schwankenden Verfügbarkeit keinen Sinn macht. Da die konventionellen Kraftwerke nachrangig zum Ausgleich der Restmengen arbeiten, macht ein Handel über mehr als 12 Stunden für konventionelle Kraftwerke ebenfalls keinen Sinn. Daher sollte ein Handel über größere Zeiträume als 12 Stunden im Strommarkt gar nicht zur Verfügung stehen.

Ist der Strommarkt in diesen Punkten korrigiert, ist auch kein EEG mehr nötig.

Tags: Grenzkosten, Strommarkt, Strompreis, Vorrang
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